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[ hk /
28.09.2005 ]
hardcore chambermusic in 30 akten
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Foto: Ben Huggler
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Tales from 30 unintentional nights
Die radikale langzeitperformance in dem in der schlosserei 12 (pfingstweidstr
12 zürich) eingerichteten club ist nun leider schon zu ende.über 2000 leute
haben den ganzen september hindurch den club besucht, ein sensationeller
publikumserfolg! die atmosphäre war sowohl zum spielen wie auch zum zuhören
sehr angenehm. die visuelle gestaltung von "buffet für gestaltung"
und die angenehme bar sowie der sehr gute sound von daniel schneider und
jean-claude pache trugen das ihre zum nahezu perfekten musik-hör-club und
-laboratorium bei. seit der 2.woche war der club praktisch immer voll, es hat
sich schnell herumgesprochen, dass hier ein aussergewöhnlicher ort ist, die
stimmung war entspannt und konzentriert -ideal um musik zu hören und ihre
entstehung nah dran mitzuverfolgen. die zusammenarbeit mit peter liechti
und seiner filmcrew war auch unglaublich entspannt. als musiker können einen
kameras ganz schön irritieren, was hier aber überhaupt nicht der fall war. das
lag wohl daran, dass die film-equipe eben auch auf einem ähnlichen trip war wie
wir musiker, nämlich sich bedingungslos und bis zum äussersten hineinzubegeben
in die musik und den prozess der improvisation.peter liechti und die cutterin
werden nun in den kommenden monaten das offenbar sehr gute filmmaterial sichten
und zum film montieren, der im frühjahr 2006 von sfdrs und 3sat ausgestrahlt
werden wir. eine dvd-edition ist auch geplant.
hier presseberichte
dazu:
Hardcore Chambermusic
von Pirmin Bossert NLZ
Luzern
„Jeder Abend ist wieder absolut
anders“
Koch-Schütz-Studer spielen sich in Hochform: Ihr
30-Abend-Gastspiel in Zürich neigt sich dem Ende entgegen, doch die Musik
steckt voller Überraschungen – auch für die Musiker.
-pb. Es ist
der 20. Abend. Kaum zu glauben: Nach dem Höhenflug am Vorabend setzt das Trio
noch einen drauf. Nicht nur, dass die drei Instrumentalisten wieder Klänge und
Motive hervor zaubern, die man so noch nie zu hören vermeint hat. Sie haben
auch an Drive gewonnen, die Klangspuren energetisch dicht in Fluss zu bringen
oder sich unvermittelt in ganz andere stilistische Spiralen zu katapultieren.
Eben noch kochte minutenlang ein sperrig-funkiger Hardcore-Multitopf – und
schon befinden sich die drei mitten im lockersten Dub-Groove, als wäre Jamaica
in Zürich. Kein DJ hätte diesen Übergang nahtloser gestalten
können.
Rhythmus und Sound
Jeden Abend im September
treffen sich Hans Koch (Saxophone, Bass- und Kontrabassklarinette,
Electronics), Martin Schütz (akustisches und elektrisches Cello, Electronics)
und Fredy Studer (Schlagzeug, Perkussion) in der Schlosserei 12 in Zürich (beim
Schiffbau) und spielen zwei Sets von knapp 45 Minuten. Und jeden Abend wird der
atmosphärisch und visuell einladende Ort (Deko: Buffet für Gestaltung) von mehr
Publikum bevölkert. Darunter sind nicht nur regelmässig wiederkehrende
Stammhörer, sondern auch Leute jeden Alters, die noch nie vom Trio gehört
haben, wohl aber von der Kunde, dass in der Schlosserei bestes Handwerk in
Rhythmus und Sound geboten wird.
„Das ist ja das Geniale an diesem
Konzept“, sagt Fredy Studer. „Dass dadurch auch Leute auf uns aufmerksam
werden, die sonst kaum ein Konzert besuchen würden. Abgesehen davon, dass
dieses Setting auch für uns Musiker enorm inspirierend wirkt.“ Wer aufgrund
dieses musikalischen 30-Tage-Marathons auf der Bühne psychologische Kampfspiele
oder physische Einbrüche erwartet hatte, ist bis jetzt nicht auf die Rechnung
gekommen. Wer mit musikalischen Sackgassen rechnete, musste sich eines Besseren
belehren lassen. Wer glaubte, die Herausforderungen würden schrumpfen, sah sich
getäuscht. Es wächst.
Musik, die entsteht
Jedes Konzert –
wir haben gut jedes Dritte besucht –war ein Unikat, hatte eine andere Dynamik,
brachte neue Mischformen, überraschende Details, klangliche Intensitäten. Nie
gab es einen Absturz, regelmässig war der Level hoch, blieb die Interaktion
spannend wurde bei aller Lockerheit eine Tiefe spürbar und drohte stets ein
guter Rest Unvorhersehbarkeit. Das Trio verarbeitet und transformiert ein
breites Spektrum an Klangereignissen: Von Noise bis Kammermusik, gepeppt mit
Rock, Dub und Hardcore, verfeinert mit elektronischen Texturen, mal deftig wie
ein abstraktes Gemälde, mal melodiös verknappt wie ein avantgardistischer
Popsong.
Das Beste an allem: In der Schlosserei lässt sich ganz
direkt mit verfolgen, wie Musik entsteht. Publikum und Band sind sich nah wie
sonst kaum. Das Trio lebt die Improvisation mit Haut und Haar. Nichts ist
abgesprochen, es zählt der Moment. „Mittlerweilen reden wir gar nicht mehr über
die Musik – wir machen sie einfach am Abend“, sagt Studer. Trotzdem: „Wir sind
den ganzen Tag damit beschäftigt.“ Diese mentale Auseinandersetzung zwischen
den Auftritten unterstreicht auch Martin Schütz. „Man muss sich mental leeren
und das vorhergehende Konzert vergessen, sonst beginnt man sich zu
zensurieren. Wir haben den Anspruch, dass es immer neu ist.“
In das
Nichts
Hans Koch spricht auch für die andern, wenn er sagt: „Noch
jeden Abend haben sich Dinge ereignet, die für mich absolut neu waren, sowohl
in der Kombination als Trio wie bei mir selber.“ Er habe das melodische Spielen
auf dem Saxophon, gegen das er sich eine Zeitlang sperrte, in diesem Kontext neu
entdecken und einbringen können. Das ritualmässige 30-Tage-Setting ermöglicht
eine Entspanntheit, wie sie sich auf einer herkömmlichen Tour mit stets
wechselnden Rahmenbedingungen in diesem Ausmass nicht einstellt. Schütz: „Diese
Entspanntheit macht es möglich, dass du dich auch weit auf die Äste heraus
lassen kannst, und es funktioniert. Man kann in das Nichts gehen und Sachen
passieren lassen, von denen wir gar nicht gewusst haben, dass sie da
sind.“
«HARDCORE CHAMBERMUSIC IN 30 AKTEN» Gefilmt von Peter
Liechti, spielt das Improvisationstrio Koch-Schütz-Studer einen Monat lang
jeden Abend in einer ehemaligen Zürcher Werkstatt.
Klicken, sirren,
sägen
Von Fredi Bosshard («WOZ - Die Wochenzeitung, Nr. 38/05, 22.
September 2005)
Linienmuster, geometrische und solche, die an
vergrösserte Fingerabdrücke erinnern, flimmern über eine nächtliche
Baumlandschaft, welche die Kulisse bildet. Die ehemalige Schlosserei Nenniger
in der Nähe des Zürcher Escher-Wyss-Platzes hat sich temporär in einen Club für
Koch-Schütz-Studer verwandelt. Die schweren Maschinen, Rohre und Metallprofile,
vor denen in der Vergangenheit gelegentlich am Wochenende Konzerte stattfanden,
sind verschwunden, die Firma Nenniger ist in die Zürcher Binz
gezogen.
Während dreissig Tagen, den ganzen September über, spielen die
drei Musiker jeden Abend ihre zwei Sets. Am vergangenen Donnerstag war
Halbzeit, die Stimmung aufgeräumt. Einige haben den Club zum erweiterten
Wohnzimmer gemacht, kommen erst auf den zweiten Set vorbei oder zu einem
Gespräch und einem Bier. H. hat bisher alle Konzerte gehört, und «falls ihm
kein Ziegel auf den Kopf fällt», wird er sich auch die restlichen anhören. Er
freut sich jeweils schon den ganzen Tag über auf den Abend, auf «den speziellen
Kick» im alltäglichen Leben.
Die Idee für «Hardcore Chambermusic in 30
Akten» kam dem Trio während einer Tournee in den USA. Die beiden Musiker aus
Biel, Hans Koch (Saxofone, Klarinetten, Electronics) und Martin Schütz (Cello,
Electronics), die mit dem Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer seit Anfang der
neunziger Jahre im Trio unterwegs sind, erinnerten sich an legendäre Clubgigs
von Thelonious Monk, John Coltrane und anderen, die sich jeweils über Wochen
ausdehnten – und sie beschlossen, etwas Ähnliches aufzuziehen. Biel und Luzern
seien zu klein, um ein solches Experiment zu wagen, erzählen die Musiker, also
blieb Zürich.
«Hardcore Chambermusic» hiess ihre erste gemeinsame CD, die
sie 1995 einspielten. Seither haftet ihnen dieses Prädikat an, ist zu einem
Label für ihre abenteuerliche Musik geworden. Musik, die sich ständig wandelt,
trotzdem immer nach Koch-Schütz-Studer klingt. Gelegentlich hat das Trio sein
Konzept in neue geografische und musikalische Zusammenhänge gestellt – mit
Gästen aus Ägypten, Kuba, mit DJs aus New York oder dem Schriftsteller
Christian Uetz. Beim diesjährigen sonntäglichen Nachmittagskonzert am
Jazzfestival Willisau spielten sie mit dem Vokalakrobaten Phil Minton und dem
Schlagzeuger Joey Baron, am selben Abend wieder zu dritt in der Schlosserei.
«Wir wären zwar gerne noch etwas abgehängt in Willisau», meint Schütz, und das
folgende Konzert, das vierte in der Schlosserei, sei dann auch etwas harzig
gewesen.
Montag, 5. September
Zwei Ventilatoren rauschen gegen
die Hitze an, bringen die Baumkulisse und mit ihr die darauf projizierten
Bilder ins Zittern. Ein erster Set wird weitgehend «quasiakustisch» gespielt,
abgemischt von Jean-Claude Pache, der sich mit Daniel Schneider vom
benachbarten Musikclub Moods in der Betreuung abwechselt. Beide sind seit
Jahren bei Konzerten des Trios hinter dem Mischpult anzutreffen, gehören zur
«Familie». Ein gutes Dutzend Leute unterhält sich entspannt in der Pause,
einige sind schon mehrmals hier, können sich also auf die ersten «Akte»
beziehen. Später gongt Studer gamelanartig über seinem neuen gelben
Wasserbecken, lässt den Gong langsam eintauchen, zerdehnt die Töne, schafft das
passende Ambiente für einen kochschen Höhenflug auf dem Tenorsaxofon, der in den
höchsten Lagen überbläst, quietscht und grummelt. Das Aufnahmegerät steigt aus.
Studer beginnt zu rocken, Schütz sägt quer auf dem Cello – war das eben
«Another One Bites the Dust» von Queen oder nur eine verdreht-assoziative
Klangwahrnehmung? «Die ersten Tage liefen wie mit dem Autopiloten, jetzt
beginnen Überlegungen wie ‹Habe ich das schon gespielt?›», meint Schütz nach
dem Konzert.
Donnerstag, 8. September
Drei Tage später ist der
Regisseur und Kameramann Peter Liechti mit seiner Crew dabei – er will die
Langzeitperformance, zumindest in Ausschnitten, dokumentieren. Liechti knüpft
mit diesem Film an frühere Projekte wie «Kick that Habit» (1989), «Signers
Koffer» (1996) und «Namibia Crossings» vom vergangenen Jahr an – zwei
Künstlerporträts von Möslang-Guhl (Voice Crack) und Roman Signer sowie eine
nicht ganz geglückte musikalische Begegnung zwischen MusikerInnen aus Namibia
und der Schweiz, bei der auch Fredy Studer mit dabei war.
Die Zahl der
ZuhörerInnen hat sich seit Montag verdoppelt. Das Buffet für Gestaltung (Markus
Wicki und Silvio Waser) projiziert kaum erkennbare Logos auf das Fell der
grossen Pauke – «Bar», «Testen», «Sexy Club», «Psycho», «Mondo», «Keep Out», in
rasender Folge in Loops hingeworfen. Auch bei mehrmaliger Projektion ist man
nicht sicher, was man tatsächlich gesehen hat. Ganz ähnlich geht es einem mit
der von Koch-Schütz-Studer improvisierten Musik. Kochs Spinnenfinger huschen
über die Tastatur von Tenorsaxofon und Laptop. Der Raum ist heller beleuchtet
als üblich – für die Kameras. Die Rücken der beiden Kameramänner werden selbst
zu Projektionsflächen, zum Teil des Dekors. Auf ihren kleinen Monitoren kann
man mitverfolgen, was sie fokussieren, ruhig und ohne Hektik wechseln sie die
Position, suchen nach dem idealen Standort für ihre Bilder. Studer stricknadelt
auf den Becken, lässt die Musik mit seinen Wasserspielen atmosphärisch
abdriften, findet bald zu extremer Intensität, reisst die anderen beiden mit.
«Jedes Konzert ist das wichtigste», meint Studer in der Pause, «wir geben jeden
Abend alles, das haben uns Monk, Hendrix und andere vorgelebt – sensationell,
wie sich hier alles entwickelt!» Es könnte einfach so weitergehen, Zeit spielt
keine Rolle mehr. Koch und Studer wohnen im Hotel um die Ecke, Schütz in der
Wohnung eines befreundeten Regisseurs, den er von seiner Arbeit im
Marthaler-Team her kennt. Sie waren seit Anfang September noch nie zu Hause,
verbringen die Tage in der Stadt, gehen meist getrennte Wege, erst am Abend
finden sie sich in der Musik wieder.
Erste Konzerte hat Schlossereiinhaber
Walter Nenniger Anfang der neunziger Jahre mit dem Musikladen Karbon zusammen an
seinem früheren Standort in der «Bronx» organisiert – dort, wo sich jetzt das
Amt für Sozialversicherung des Kantons Zürich wie ein Keil zwischen die
Gleisanlage des Hauptbahnhofs und den Kreis 5 geschoben hat. Für die Konzerte
musste jeweils die ganze Belegschaft in stundenlanger Arbeit die Werkstatt
aufräumen und putzen. Elliott Sharp, Luigi Archetti, Voice Crack, The Ruins und
andere haben dort gespielt. Nach dem Umzug an die Pfingstweidstrasse, einige
Ecken westlicher, hat dann der Londoner Saxofonist Lol Coxhill ein
eindrückliches Solokonzert gegeben. Über hundert Leute sind gekommen, und zum
Glück hat «Näni» vorgängig nicht um eine Bewilligung nachgefragt, sonst hätte
er die Hälfte wieder nach Hause schicken müssen. Später folgten Konzerte mit
dem Co-Streiff-Sextett, aber auch mit zeitgenössischer Musik von Arnold
Schönberg, Giacinto Scelsi bis John Cage.
Nachdem im letzten Frühling
verschiedene Clubs im Kreis 5 von der Polizei geschlossen wurden, wollten weder
Koch-Schütz-Studer noch Peter Liechti riskieren, dass «die radikale
Langzeit-Performance» zum Short Cut werden würde. So haben sie den langen
Marsch durch den Ämterdschungel angetreten, um die notwendigen Bewilligungen
für den einmonatigen Clubbetrieb zu erhalten. Für einen länger andauernden,
provisorischen Betrieb wären grössere Investitionen notwendig, doch für die
fehlt das Geld. Anfang Oktober ist ein
24-Stunden-Slot-Car-Rennen mit acht
Teams geplant, dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans nachempfunden. Ende Oktober ist
dann wohl Schluss in der alten Schlosserei.
Montag, 12.
September
Der projizierte Hamster rennt endlos im Rad auf dem Paukenfell –
es ist Knabenschiessenmontag. Er wird später abgelöst durch
Schwarzweisslandschaften aus anonymen Vorstädten. Der Raum wirkt intimer, wenn
nicht gefilmt wird. Studer hinter dem gelben Schlagzeug zieht nach einem
ambientartig verhaltenen Beginn an, die Bewegungen seiner Drumsticks werden zu
fächerigen Flächen, prasseln auf Becken, Snare und Toms. Löchrige Projektionen
lassen sein Drumset zum Emmentaler werden, Koch flickert an seinem Laptop rum,
bevor er auf das Tenorsaxofon umsteigt. Dessen Ton wird zum heiseren Schrei,
als er in den Cello-Drums-Express einsteigt, die kastenartigen Sitzbänke werden
zu Resonanzkörpern werden, welche die ZuhörerInnen durchmassieren, bevor das
Trio zu einem zarten Schluss findet.
Donnerstag, 15.
September
Drei Tage später sind schon gegen fünfzig Leute da. Die
Mund-zu-Mund-Propaganda wirkt, die Sitzplätze werden knapp, einige schlagen
Wurzeln an der Bar. Andere gehen im Raum herum,
die Bühne ist von drei
Seiten einsehbar, was sowohl klangliche wie optische Variationen ermöglicht.
Schütz spielt ein songhaftes kammermusikalisches Intro, Koch setzt
elektronische Störgeräusche dagegen. Es sirrt wie bei einer blockierten
elektronisch gesteuerten Türe, deren Impulse abgewürgt werden, es klickt
metallisch in Serie. Verwehte Klänge wie von einem Jahrmarkt erfüllen den Raum,
Erinnerungen an Filme von Federico Fellini werden wach, und zum Schluss des
ersten Sets nehmen Koch-Schütz-Studer die songhafte Struktur wieder auf:
Instant Composing – oder spielen, was noch nicht komponiert ist.
Peter
Liechti richtet die Kamera auf den Mann hinter dem Mischpult, der so wichtig
ist für den Sound des Trios, er sammelt Material für ein filmisches Porträt, in
dem auch die Leute vor und hinter der Bar, an Kasse und Projektoren ihren Platz
haben, weil sie alle ihren Beitrag zum guten Gelingen des Projekts beitragen.
Liechti ist wie die Musiker auf der Suche nach der Unmittelbarkeit des
Augenblicks, nach dem speziellen Moment, er versucht, den flüchtigen Sound mit
der Kamera einzufangen. Nach der Pause spielt Koch die imposante
Kontrabassklarinette ohne Mundstück. Tiefliegende Drones erklingen – wie von
einem Elefanten ausgestossen, der einsam durch die Savanne zieht. An Eric
Dolphy erinnernde Tierschreie auf der von ihm hier selten gespielten
Bassklarinette folgen. Schütz spielt gesampelte Sprachfragmente ein, die an
eine Disney-Produktion erinnern, und Studer federt am Wasserbecken, bevor sie
wieder gemeinsam abdampfen. Halbzeit. Fünfzehn Konzerte sind
gespielt.
Dienstag, 20. September
Schnell zu einem Sis Kebab
ins New Point unter der Hardbrücke. «Lamm, mit allem und scharf», essen im
Stehen. «Das Beste Kebab westlich von Istanbul», endlich eine Eigenwerbung, die
stimmt. Dann unter der Brücke durch, an Besame Mucho, Les Halles und der
Autowaschanlage vorbei in die Schlosserei, alle Plätze sind schon besetzt. Ein
Kontrabassklarinette-Cello-Schlagzeug-Einstieg, der Griff zu den Brillen
bereitet auf den Einsatz des Laptops vor. Auch die an die Saiten des Cellos
geklemmten Wäscheklammern modifizieren den Sound. Das Buffet für Gestaltung
projiziert organische Formen auf das Dekor, ein Baukran-Ballett-Film flimmert
über das Drumset. Das Filmteam macht Pause. Koch wechselt zum Sopransaxofon,
Studer bearbeitet für einige Sekunden Cymbals und Bassdrum mit höchster
Intensität, kurz Pause, nochmals. Für einige ist es zu intensiv. Drei Plätze an
der Bar werden frei. Pause. Koch setzt mit dem Tenorsaxofon ein, Klänge wie von
einem Alphorn, Studer klatscht im Wasserbecken, ambientartige Klanglandschaften
entstehen, sachte vom Cello mitgetragen. Schütz wechselt in einen relaxten
Reggaerhythmus, Studer jauchzt vor Freude und zieht gleich mit, die Sounds
hallen Dub-artig nach – Sly and Robbie in der Schlosserei, Joe Gibbs at the
controls. Das Publikum dankt mit einem überwältigenden Schlussapplaus, Pfeifen
hinter der Bar. Die Absage wie immer von Schütz: «Hans Koch, Fredy Studer,
Martin Schütz. Wir sind morgen wieder da. Das letzte Stück hiess ‹Die
Jamaika-Koalition›.»
Die letzten neun Akte der «Septembermusik» von
Koch-Schütz-Studer stehen jetzt noch an. Drei Tage später reisen
Koch-Schütz-Studer für ein Dutzend Konzerte nach Japan. Perfekt vorbereitet und
auch für ihre «Oktobermusik» gilt: «Jedes Konzert ist das wichtigste.»
KLANGSCHLOSSEREI – der verrückte September von
Koch-Schütz-Studer
So viel Arbeit am Stück gab es für
Koch-Schütz-Studer noch nie: Den ganzen September hindurch tritt das Trio in
einer zu einem Club umfunktionierten Schlosserei in Zürich auf – an gewissen
Abenden wird allerdings die intime Atmosphäre durch ein Filmteam um Peter
Liechti erheblich gestört.
Diese als „radikale Langzeit-Performance“
angekündigte Veranstaltung, die erst nach monatelangen Verhandlungen mit
diversen Behörden zustande kam, dürfte für die Musiker zu einer Selbstbegegnung
der besonders intensiven Art werden. Und die Zuschauer haben die seltene Chance,
einen künstlerischen Entwicklungsprozess so detailliert wie sonst kaum je
miterleben zu können.
Die „Hardcore Chambermusic“ von Koch-Schütz-Studer
ist von A bis Z improvisiert und duldet weder Routine noch entspanntes
Zurücklehnen. Jedes Konzert der verwegenen Sound-Futuristen, die ihre bizarre
Phantasie nicht nur auf herkömmlichen Instrumenten, sondern auch am Laptop
ausleben, ist also sozusagen ein Ausschnitt aus einem „work in progress“ mit
unzähligen unbekannten Variablen. Das heisst nun allerdings nicht, dass sich in
der Musik des Trios keine typischen Merkmale und ästhetischen Konstanten
ausmachen liessen, schliesslich arbeiten die Bieler Hans Koch und Martin Schütz
bereits seit einer halben Ewigkeit zusammen und der Luzerner Fredy Studer ist
auch schon seit über einem Jahrzehnt mit von der Partie. Man kennt sich also
bestens und weiss, wie sich sowohl gemeinsame Affinitäten als auch
Reibungsflächen möglichst kreativ nutzen lassen.
Dass man sich dazu
entschlossen hat, die ganze Konzertreihe ohne Gäste zu absolvieren, hat duchaus
seine Berechtigung: So waren jedenfalls die zwei Sets, die wir bei einem ersten
Abstechen ins Zürcher Laboratorium zu hören bekamen, wesentlich konziser und
spannungsreicher als das Sonntagnachmittag-Konzert des Trios mit dem britischen
Stimmband-Guerillero Phil Minton und dem amerikanischen Schlagzeuger Joey Baron
am JazzfestivalWillisau. natürlich ist es reizvoll, den Versuch zu unternehmen,
eine optimal funktionierende Trio-Konstellation aufzubrechen und zu erweitern,
aber man läuft dabei Gefahr, dass es zu unnötigen Verdoppelungen kommt, die zu
keinem Mehrwert führen. Oder um es anders zu sagen: Minton und Baron brachten
durchaus Würze ins Spiel, aber es war eine Würze, die den Eigengeschmack von
Koch-Schütz-Studer nicht voll zur Geltung kommen liess.
(tom gsteiger,
DER BUND 6.9.05)
BIELER TAGBLATT,
9.9.05
Koch-Schütz-Studer: «IN 30 AKTEN»
Improvisation
im Ausnahmezustand
Ein Spielort, drei Musiker,dreissig Konzerte,ein
Filmemacher: EinenMonat musizieren Koch-Schütz-Studer in Zürich.Und ein Film
willdanach davon erzählen.
von RUDOLF AMSTUTZ
"Wir wissen nicht,
was das ist, das
gute Leben, aber ich möchte dem
gegenüber, was sich
ereignet, eher
offen sein als dadurch gestört
werden. Darin übe ich
mich
unablässig." (John Cage)
Man könnte sagen: bei
Koch-Schütz-Studer läuft es immer aufdas selbe heraus. Nur: das selbe ist in
ihrem Falle immer was anderes.Wie bei keiner anderenFormation gilt: nach dem
Konzertist vor dem Konzert. Für den Filmemacher Peter Liechti sind
Koch-Schütz-Studer die grossartigste
Gruppe im Lande. Weil sie radikal
sind. Weil sie jeden Tag aufs Neue dem Formelhaften in der Musik den Krieg
erklären.Oder wie es die Band formuliert:«Es drängt sich auf, immer das neueste
Material zu spielen, also dasjenige, welches noch nicht komponiert ist.»Da ist
das Scheitern miteingerechnet.In einer Welt, die nur die Erfolge zählt und den
Misserfolg unter den Teppich kehrt, ihn ausgrenzt, ihn gewissermassen
verstummen lassen will, riskieren die beiden Bieler Hans Koch
(Reeds,Electronics) und Martin Schütz(Cello, Electronics) sowie der
Luzerner
Drummer Fredy Studer an ihren Konzerten jeweils alles.Vielleicht
ist es der Drang, dem absoluten Klang immer ein bisschen näher zu kommen. Kunst
ist stets auch die Reflektion unseres Seins. Und das Trio will diesen Moment
hörbar machen. Der Ort, in dem sie spielen spricht zu ihnen, das Publikum
spricht zu ihnen, ihre Tagesform ist entscheidend, das jüngst Erlebte fliesst
mit ein, die Auseinandersetzungen werden gelebt, gespielt und zu Hörbarem
vergeistigt.Das ist kein Jazz mehr. Schon lange nicht mehr. Sie nennen es seit
Jahren schon «Hardcore Chambermusic», eine Art Intimität des
Äussersten.
In 30 Akten…Das Projekt ist auch eine spannende persönliche
Erfahrung:Was passiert während diesem Monat mit uns, dem Trio,menschlich und
musikalisch?Diese Situation haben wir noch nie gehabt, diese extreme
Ausschliesslichkeit…(Hans Koch)
Und jetzt also dreissig Konzerte an
dreissig Tagen an ein und dem selben Ort. Normalerweise liegen zwischen den
Auftritten Reisen,andere Städte, vielleicht gar freie Tage. Das immer wieder
von vorne beginnen erhält «In 30 Akten» nun einen nahtlosen Übergang.Hier wird
die Improvisation mit ihrem eigenen Alltag konfrontiert. «Die Idee dazu», sagt
Hans Koch, «kam uns
während einer US-Tournee. Wir wollten so etwas wie
einen Club eröffnen, in dem nur wir spielen.
Und der anschliessend wieder
geschlossen wird.» In der amerikanischen Jazzszene ist es
nichts
Aussergewöhnliches, dass eine Formation manchmal gar über Monate
hinweg täglich im selben
Club spielt. Davon zeugen historische Aufnahmen
von Thelonious Monk bis John Coltrane.
Und darin zeigt sich auch die Kraft
der Improvisation. Gerade in einer fixierten Örtlichkeit wird
die Musik zur
Fortbewegung gezwungen. Alles andere wäre Wiederholung.
«Die ersten fünf
Konzerte waren spannend. Nur der erste Sonntag erwies sich als schwierig, weil
wir am Nachmittag noch in Willisau spielten»,sagt Koch.
Der Ort…Es wird
hochinteressant sein, durch welche Zustände wir gehenwerden. Jeder Abend fühlt
sich anders an.(Martin Schütz)
Den «Club», den sie erfinden wollten – das
war für Koch relativ rasch klar – würde sich nichtin Biel befinden. «Es wären
einfach zuwenig Leute gekommen»,meint er. Deshalb sind sie nach Zürich
ausgewichen. In eine ehemalige Schlosserei nahe dem Schiffbau, in dem sich
heute ein
Kunstraum befindet. Das Künstler-Duo «Buffet für Gestaltung»hat
den Ort völlig neu inszeniert.
«Der Ort fühlt sich familiär an –wie ein
Wohnzimmer», sagt Koch. Da trifft sich die«Wohngemeinschaft» Koch-Schütz-Studer
jeden Abend. Tagsüber gehen sie getrennte Wege, weil Improvisation sich nicht
nur aber auch von individuellen Freiräumen nährt. Koch-Schütz-Studer verzichten
zudem auf Fremdnahrung.Keine musikalischen Gäste.Dieses Konzept, mit dem sie
früher auf Tonträgern arbeiteten und auf das sie auch heute
gelegentlich
(wie zuletzt in Willisau) zurückgreifen, würde den Anlass
verfälschen. «In 30 Akten» ist ein
Spielplatz für drei Musikanten ohne
äussere Einwirkung. Man hätte das Projekt auch «Einakter,
dreissig mal
gespielt» nennen können. Der Ausgangspunkt ist immer der gleiche, der Akt
variiert
sich von innen heraus.
Der Film…Ich mag es sehr für meine
filmische Arbeit, in musikalischenStrukturen zu denken
(Peter
Liechti)
Auf ihrem aktuellen Album «Life Tied» hat das Trio auf
Liveaufnahmen zurückgegriffen und mit diesen im Studio weiter improvisiert. Das
Gemachte sollte nicht zum Eingemachten verkommen. «Hardcore Chambermusic» in
Tonkonserven zu packen, ist so eine Sache. Die Wirklichkeit ist dem
Festgehaltenen längst entflohen. Koch-Schütz-Studer auf Platte zu hören, ist
wie in die Sterne zu gucken: man blickt in die Vergangenheit. Vielleicht auch
gerade deswegen,wollte der Filmemacher Peter Liechti («Kick That
Habit»,«Signers Koffer») schon lange etwas machen mit diesem konsequent
radikalen Trio. Der Film verweigert sich oft dem Zufall und der Spontaneität.
Wo Kameras zugegen sind, wo Räume ausgeleuchtet werden müssen, da verändert
sich das Gewöhnliche auch immer wieder zum Gespielten.Deshalb tat Liechti gut
daran, als Ort dieses «Wohnzimmer» zu wählen, in dem die Kameras während eines
Monates zum Kumpel der Protagonisten werden können.Der Film will sich an den
Prozess des Improvisierens annähern– inhaltlich wie formal. Die Bilderflut von
dreissig Tagen kann erst im Schneideraum Gestalt annehmen und wird damit zu
einer Weiterführung des Albums «LifeTied» auf visueller Ebene. Die Beteiligten
sind begeistert. Jetzt schon. «Ein Kameramann hat mir freudig erzählt, er habe
in seinem Leben noch nie solche Bilder geschossen», erzählt Schütz.Man darf
sich auf dieses filmische Abenteuer freuen. Noch stehen allerdings 22 Akte aus.
Oder besser: noch 22 mal wird derselbe Akt gespielt. Und noch 22 mal wird das
selbe stets etwasganz Anderes sein…
Schlosserei12 beim Schiffbau,
Pfingstweidstrasse
12, Zürich, täglich bis 30. September,
jeweils 20
Uhr. Infos unter Telefon 041
360 93
77
INFOS:
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http://www.wortundohr.ch
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