|
|
 |
|
[ hk /
30.11.2006 ]
HARDCORE CHAMBERMUSIC / Filmpremieren und Kritiken/Premieres and critics
|
|
Premieren:
30.11.06, 21 Uhr, LUZERN, stattkino (anschliessend täglich)
in Anwesenheit von Peter Liechti und Fredy Studer
02.12.06, 18 Uhr, ST.GALLEN, im KinoK, (anschliessend gemäss Programm) in Anwesenheit von Peter Liechti
03.12.06, 12.30 Uhr, ZÜRICH, Kino RiffRaff (anschliessend täglich)
in Anwesenheit von Peter Liechti und Fredy Studer
BERN , täglich im Kellerkino
BASEL, kult.kino ab 7. Dezember
weitere Orte folgen im Januar.
Johannes Anders
Free Music erfahr- und nachvollziehbar darstellen
[...] Frei improvisierte, spontan entstehende Musik ist bekanntlich
nicht jedermanns Sache und auch manche Jazzinteressenten haben da
Rezeptionsprobleme oder setzen sich derartig herausfordernden
Hörabenteuern gar nicht erst aus. Dem engagierten St.Galler Filmemacher
gelingt in einzigartiger Weise das Kunststück, die kollektiven
Improvisations- und Artikulationsprozesse des impulsiv wie intuitiv
agierenden Trios Koch - Schütz - Studer nicht nur transparent zu machen,
sondern so darzustellen, dass man unweigerlich hineingezogen wird und
diese Musik plötzlich mit anderen, neuen Ohren und Sinnen wahrnimmt.
Eingestreute Gesprächsausschnitte mit spontanen, ungefilterten
Äusserungen und Kommentaren der Spieler über die Musik, das gegenseitige
Agieren, Reagieren oder Probleme bei der musikalischen Kommunikation tun
das Übrige, um als Zuschauer und Zuhörer voll und ganz in diese
spannenden Musikwelten einsteigen zu können. Anlass für diese Aufnahmen
war die im letzten September stattgefundene, 30-tägige Performance des
Trios in einer alten, extra für diesen Anlass hergerichteten Schlosserei
in Zürich West, in der Liechti während 12 Tagen Aufnahmen machte. So
dicht, eindringlich und unmittelbar erfahr- und nachvollziehbar wurde
kaum je zuvor neue Musik filmisch dem Publikum nahegebracht. Ein Ereignis!.
peter liechti's film "hardcore chambermusic-a club for 30 days" shot during the 30 days performance in zurich last year has had it's successful premiere at the locarno international filmfestival on august 6th. check out the following reviews (in german)
BIELER TAGBLATT 8.8.06
Hörerlebnis auf der Leinwand
Der Musikfilm «Hardcore Chambermusic» mit den Bieler Musikern Hans Koch und Martin Schütz hat im Programm der «Semaine de la critique» am Filmfestival in Locaro seine Premiere gefeiert. Es ist ein mitreissendes Werk.
Andreas Stock, Locarno
Bis gestern, 24 Stunden vor dem «Tag des Schweizer Films» am Festival in Locarno, sind es durchaus auch Schweizer Filme, die Akzente zu setzen vermögen. Hauptdarstellerin Stephanie Glaser wurde nach der Projektion des Piazza-Filmes «Die Herbstzeitlosen» mit stehenden Ovationen gefeiert.
Und viel Applaus und begeisternde Kommentare gab es für Peter Liechti nach der Premiere seines Films «Hardcore Chambermusic» in der «Semaine de la critique». Der St. Galler Filmemacher beschäftigt sich nach «Kick That Habit» (1989) und «Namibia Crossings» (2004) erneut mit Musik, insbesondere damit, wie Musik entsteht. Entstanden ist ein Film mit und nicht über das Trio Koch-Schütz-Studer, wie Liechti betont. «Der Prozess des Musizierens lässt sich mit keiner anderen Band so gut zeigen, wie mit dem Trio Koch-Schütz-Studer», sagt Liechti, der sie «für die grossartigste Gruppe des Landes» hält.
Der Regisseur kennt die beiden Bieler Musiker Hans Koch (Saxophon, Electronics) und Martin Schütz (Cello, Electronics) und den Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer seit vielen Jahren. Studer war bei «Namibia Crossings» mit dabei und Martin Schütz hat für zwei Filme von Peter Liechti die Musik geschrieben.
Ihr Wunsch, einmal zu viert zusammen zu arbeiten, erfüllte sich mit diesem aussergewöhnlichen Projekt des Trios: In einer Langzeitperformance improvisierten Koch-Schütz-Studer im September 2005 jeden Abend zur gleichen Zeit, in einem eigens dafür gebauten Club in Zürich.
30 Abende moderne, verwegene, improvisierte Musik: «Hardcore Chambermusic», wie es das Trio nennt. Musik, die nicht nur auf gewöhnlichen Instrumenten gespielt wird, sondern von Schütz und Koch auf dem Laptop bearbeitet wird, und die dabei nicht nur die Grenzen von Soundbildern ausloten, sondern auch immer versuchen, so etwas wie dem absoluten Klang näher zu kommen.Genau hingehört
Peter Liechti dokumentiert dieses Konzertexperiment in einem «reinen» Musikfilm, denn es geht darin ausschliesslich um Musik. In der dichten Montage (mit Cutterin Tanja Stöcklin) finden sich einige magische Momente, in denen zu hören und sehen ist, was Martin Schütz meint, wenn er sagt, ihre Improvisation entstehe intuitiv, aus dem Fluss der Musik heraus. Peter Liechti schaut und horcht so genau - bis hin zum Geräusch des Deckenventilators - dass man als Zuschauer nicht anders kann, als gebannt zu erleben, wie diese drei leidenschaftlichen Klangforscher sich immer wieder von neuen musikalischen Flüssen wegtragen lassen - und wir uns mitreissen lassen.
Die stumme Kommunikation zwischen den Musikern, wie sie aufeinander hören, wie das Publikum im Club lauscht und auf die Musik reagiert, das macht «Hardcore Chambermusic» zu einem Hörerlebnis, das manchen womöglich gar die Augen öffnet für eine Musik, mit der sie bislang wenig anzufangen wussten.
Filmbulletin 27.07.2006
Irene Genhart
HARDCORE CHAMBERMUSIC-EIN KLUB FÜR 30 TAGE
VON PETER LIECHTI
Anfang September 2005 ins Konzert gegangen Zu spät gekommen Vor einer ge
schlossenen Tür gestanden ehrfürchtig ge wartet Der Spätsommerabend ist verboten schwül Aus den Bars und Kneipen der näheren Umgebung dringen Schwatzgemurmel vereinzelt gelles Frauenlachen dunkle MännerlachsalveAusgehgeräusche in Zürich West Durch die Tür dringen Fetzen von Jazz Schemenhaft erkennbar Menschen eine Bar Pause dann Zusammen mit ein paar Luftschnappern quillt rauch und hitze schwanger feuchte Luft und Konzerttalk durch die sich öffnende Tür In einem improvisierten Club in einer ehemaligen Schlosserei in Zürich West hat die Schweizer Combo Koch-Schütz- Studer im Spätsommer 2005 zu einer Performance der besonderen Art
geladen An dreissig aufeinanderfolgenden Abenden nämlich vom i bis 30 Septem
ber spielte das Trio das seit fünfzehn Jahren mitten im internationalen Musikgeschehen steht je zwei Sets von jeweils vierzig Minuten Dauer «3oxTRIO» nannten Koch-Schütz-Studer den Event und hatten sich ganz der
Improvisation verschrieben HARDCORE CHAMBERMUSIC EIN CLUB FÜR DREISSIG TAGE nennt Peter Liechti den Film der dar
aus hervorgegangen ist Es handelt sich dabei weniger um ein Zeugnis ablegendes Dokument als vielmehr um ein höchst eigenständiges Kunstwerk einen Film der seinerseits einzig dem Verlauf der Zeit verschrieben und der Kreativität Liechtis gehorchend selber daher kommt wie ein improvisiertes Stück
Jazz Musikfilm zum einen ist HARDCORE CHAMBERMUSIC andererseits auch ein «Buddy Movie» das Einblick vermittelt in das kreative Zusammen Schaffen der drei so begnadeten wie arrivierten Musiker Das sind Hans Koch geboren 1948 in Biel ausgebildet zum klassischen Klarinettisten In den neunziger Jahren dann aber hängte Koch seine klassische Orchesterkarriere an den Nagel
Er entdeckte Computer Co als Instrumente und gilt heute als einer der originellsten
Holzbläser der Welt Der Luzerner Fredy Studer geboren ebenfalls 1948 ist ein weit und weltgereister Autodidakt und gilt als einer der innovativsten Perkussionisten Europas Studers einmaliges Improvisationstalent hat man schon in Peter Liechtis NAMIBIA CROSSINGS 2004 bewundern dürfen Bleibt der 1954 geborene Cellist Martin Schütz zu erwähnen ein Bieier wie Koch Schütz bis vor kurzem einer von Christoph Marthalers Hausmusikern steht mit einem Bein immer auch im Theater und gilt er hat für Filme von Peter Liechti Dieter Gränicher Tobias Ineichen komponiert als einer der wichtigeren Schweizer Filmmusik Komponisten. Was das Trio vereint ist nebst der Musik eine tiefe Freundschaft «Bei Koch Schütz
Studer» sagt Fredy Studer in Liechtis Film «stimmt es nicht nur musikalisch sondern auch menschlich »Just das führt er weiter aus ist eben nicht selbstverständlich wenn man zusammen Musik macht Es ist im Gegenteil eher
ein Glück fast schon gar Locker lehnen die drei in der Pause an der Bar
Mischen sich unter die Zuhörer unter denen sich jeden Abend auch etliche Bekannte etwa Irene Schweizer finden Sie trinken ein Glas rauchen eine Zigarette und sind wie sich in HARDCORE CHAMBERMUSIC zeigt die Schwatzhaftesten nicht Doch was sie sagen ist von wohlüberlegter Treffsicherheit verrät vieles über ihr Denken ihr Fühlen ihr Freundsein und die Kunst der Musikimprovisation «Ich kann nicht mit dem Kopf Kopfvoller voller Gedanken auf die Bühne steigen esbraucht diese Leere aus der die Musik zu strömen beginnt» erklärt Martin Schütz Und später in Liechtis Film unterhalten sich Studer und
Koch darüber dass man nicht denken soll beim Improvisieren «Weil man nicht frei
ist wenn man denkt es nicht fliesst wenn man der Musik Zügel anlegt »und es in
«3oxTRIO» eben just um diese sich aus der Leere generierende Musik geht die sich in nichts einschreibend ausser der Zeit den Zuschauer gerade diese vergessen lässt Abend für Abend haben Koch-Schütz-Studer gespielt Abend für Abend haben ein paar Zuhörer mehr den Weg in die ehemalige Schlosserei gefunden Ein paar Mal fanden sich unter ihnen Peter Liechti und sei
ne Filmcrew Die Kameramänner Peter Guyer und Matthias Kalin der Tonmeister Balthasar Jucfeer Sie haben Töne eingefangen und mit fliegender Kamera gefilmt die drei Musiker Ihre Gesichter den Schweiss auf ihrer
Stirn Hände Finger Füsse Instrumente Saiten Tasten die Touchscreen von Kochs
Sampler Sequenzer Synthesizer das Wasser in Studers gelb leuchtendem Wasserbecken. Die huschenden Licht und Schattenspiele
an den Wänden i 2 3 u 12 20 21 22 29 30 zählt ein jeden Abend wechselndes
Lichtbild Das Lachen der Barkeeperin die Konzentration des Mannes am Mischpult
Das Surren des endlos rotierenden Ventilators Die Zuhörer Mal konzentriert mal in
sich selbst versunken Auf AufHockern Hockern Stühlen Bänken manche stehend Selbstvergessen tanzend oder sanft wippend den Hauch der
leisen Glückseligkeit von Musikhörenden auf ihrem Gesicht
Dem Lauf der Sessions und der Musik folgt Liechtis Film Das Lichtbild an der
Wand markiert auch im Film das Fliessen der Zeit Abgesehen davon ist HARDCORE CHAMBERMUSIC geschöpft aus der kreativen Fülle dieser genialen Gigs und vom Regisseur mit stupendem Musikgefühl und frivolem Mut zum Experiment montiert ein klangvoll verführerisches filmisches Kleinod beziehungsweise ein Film über das wunschlose Sein im Moment der vollen Hingabe von Hörern und Musizierenden an das der Ewigkeit eingeschriebene Moment derMusik
Regie Buch Peter Liechti Kamera Peter Guyer Matthias
Kfflin Peter Liechti Montage Tania Stöcklin Ausstattung
Beleuchtung Büffet für Gestaltung Daniel Schneider
Musik Mitwirkende Koch Schütz Studer Tonaufnahme
Balthasar Jucker Live Tonmischung Daniel Schneider
Jean Claude Fache Tonmischung Dieter Lengacher Ma
gnetix Produktion Peter Liechti Koproduktion Schweizer
Fernsehen SF Schweiz 2006 Farbe 35mm 72 Min CH Ver-
ieih LootNow Zürich
© Filmbulletin, Winterthur
01.12.2006
Feuilleton - Seite 35
Christian Broecking
Menschlich und musikalisch stimmt's, sagt Fredi Studer. Der Schlagzeuger ist der Positivist im spannendendsten Bandexport, den die Schweiz seit langem zu bieten hat: Koch-Schütz-Studer. Hans Koch, Bassklarinettist und Laptop-Operator, ist eher der Skeptiker. Ein Hardcore-Improvisator, wie man ihn eher in der britischen Schule vermutet. Und dann ist da noch der Cellist, ebenfalls mit Hang zum Laptop, und Martin Schütz, der eine aktuelle Gruppenintention so formuliert: Schon seit Jahren wünscht man sich eine Arbeitssituation, wie sie die Erfinder des Neuen Jazz Anfang der Sechziger Jahre hatten. Im New Yorker Club Five Spot spielte das Ornette Coleman Quartett monatelang am Stück und schuf einen Sound, den es zuvor nicht gegeben hatte. Nun ist die große Zeit der Avantgarde zwar längst vorbei, und doch hört man hin und wieder Fortschreitendes. Koch-Schütz-Studer sind so - tief verankert im Punkgebirge der freien Improvisation, knisternde Klangflächen, explosive Feldforschungsexponate, und nach 15 Jahren intensiver Zusammenarbeit nun der große Kinofilm: "Hardcore Chambermusic".
Heute läuft der neue Musikfilm von Regisseur Peter Liechti zunächst zwar nur in Schweizer Kinos an, doch die CD, die aus 60 mal 40 Minuten Material schöpft, ist schon im Handel: "Tales From 30 Unintentional Nights" ist soeben beim Züricher Label Intakt erschienen.
Im Film sieht man gut, wie es zur CD kam - Liechti wollte gerade keinen Konzertfilm drehen und fand den Vorschlag der Band, ein intimes Club-Setting zu installieren, toll. Also wurde das Züricher "Büffet für Gestaltung" beauftragt und baute in einer alten Schlosserei einen provisorischen Jazzclub mit Bühne und Bar, der den ganzen September 2005 geöffnet hatte.
Liechti und Schütz berichten, dass sie befürchtet hatten, es würden nur sehr wenige Leute zu den Konzerten kommen. Und so war es anfangs auch. Aber die Leute von einer freien Theatergruppe, die den Tresenbetrieb übernahmen, sorgten schnell für neue Gäste. Die redeten, rauchten und tranken, doch wenn die Musik losging, waren auch sie aufmerksam. Ja, die Musik war sehr laut in dem Club, berichtet Liechti, in einer Szene des Films sieht man die Pianistin Irène Schweizer sich gerade die Ohren zuhaltend, und es war heiß - das Grundgeräusch des Deckenventilators wurde deshalb von Schütz kurzerhand zum Klang erklärt.
Der Club hatte 30 Tage geöffnet, jeweils gab es 2 Sets a 40 Minuten nur Koch-Schütz-Studer. In der letzten Woche des Film-Clubs mussten sogar einige Leute wieder nach Hause geschickt werden, es hatte sich herumgesprochen, dass in der "Schlosserei12" etwas ganz Ungewöhnliches passierte. Statt der 50 erlaubten Zuschauer waren manchmal sogar 120 in dem kleinen Raum, dennoch sind sich die Akteure in einem Punkt einig: wiederholbar und kopierbar ist das Ganze kaum. Beim Unerhört-Konzert am letzten Sonntag waren Koch-Schütz-Studer schon wieder ganz woanders - mit illustren Gästen in postfeministischem Diskurs und brillanter Folklore-Destruktion verstrickt.
Foto: Der Positivist der Schweizer Truppe Koch-Schütz-Studer: Fredy Studer.
•
|
|
 |
|
 |