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[ hk / 27.11.2006 ] new CD TALES FROM 30 UNINTENTIONAL NIGHTS out now!

Foto: Ben Huggler


























linernotes from/von reto haenny:

Reto Hänny
Klangschlosser
Hardcore Chambermusic in 30 Akten

Beginnen, wiederbeginnen. Dreissig Tage, jeden Abend zwei Sets, immer zur selben Zeit, immer am gleichen Ort. In der Laboratmosphäre der altersgeschwärzten Schlosserei 12 an der Pfingstweidstrasse in Zürich sind mit Koch-Schütz-Studer inmitten eines Lichtmuster generierenden Dschungels drei Forscher, Tüftler, Laboranten der Klänge am Werk, spielen mit ihren Ingredienzen, experimentieren und lassen mich von sehr nahe daran teilhaben, wie sie zaubern und Musik erfinden, das Gestern übers Heute sich mit dem Morgen verbindend, dass gerade deshalb jedes Konzert das beste ist, jeder Abend, jedes Set sich aus dem Nichts entwickelnd anders wird. Die Spieler treten auf, nach und nach, sind plötzlich da: ein intellektueller Senn, eine Inkarnation Buddhas, ein moderner Einstein – aber wo beginnt es, das Stück? nicht bereits vor dem Anfang, wenn der Bläser, der Drummer, der Saitenvirtuose mit den anderen im Raum plaudernd an der Bar lehnen, in der Pause unter die Leute gemischt eins trinken, reden, lachen. – Wie schafft ihr das nur, dreissig Abende so entspannt einfach dazusein, und zugleich dreissig Abende diese Energieströme, diese überspringenden Vibrationen freizusetzen? Weil Musik einen leeren und hellwachen Kopf brauche, weil es, sagen sie, just um diese sich aus der Leere erzeugende Musik gehe, die den Zuschauer, sich in nichts einschreibend ausser der Zeit, gerade diese vergessen lasse, und wagen sich entlang Vertrautem ins Unerhörte vor, wo ich – der Frage auf der Spur Was singt mir, der ich höre, in meinem Körper das Lied – als Zuhörer in der ersten Reihe und schon fast letzten mittendrin mitschwinge, mitklinge in einer folklore imaginaire, die alle Schubladen sprengend wie ein Kristall mit unzähligen Facetten das je nach Lichteinfall sich wandelnde Spektrum zur Hardcore Chambermusic auffächert, einem kongenialen Zusammenspiel dreier Meister beiwohne, wo jeder wie bei der Kunst des Bogenschiessens genau weiss, was er macht, ohne bewusst zu denken: Du weisst, wann der Pfeil losgeht, doch er ist, wenn du es weisst, bereits im Flug. – Die Erfahrung der dreissig Tage, sagen sie, sei, dass sie eigentlich nicht improvisierte Musik machten, sondern Musik improvisierten. In situ. Eine Cello-Kantilene hebt an, Schuberts Sehnen, sein Verlangen nach Zärtlichkeit und Liebe, das mich in Marthalers Schöne Müllerin versetzt, die Melodie hängt ein, als ob die Nadel auf der Platte endlos die gleiche Rille kratzt, der Fetzen eines Kinderliedes wird zum rauhen Bass-Ostinato, das in die Knochen fährt, der Griff zur Brille deutet an, dass ein zweites Trio, die Laptops, ins Spiel eingreift, verdrahtet, eingestöpselt, eingeklinkt wird die Maschine zum Teil des Werks, in Echtzeit; dank Elektronik als der natürlichsten Erweiterung des Nervensystems werden die Trios zum Quintett, während der Schlagwerker, als ob nichts wäre, fliegend von einem ins andere wechselnd, weiterkesselt und kübelt in vertrackten asymmetrischen querständigen Rhythmen, der Bläser setzt mit dem Cello-Motiv wieder ein, repetitiv wird es verschliffen, verschlissen: angetrieben von des Trommlers Batterie dampft die Klangmaschine rund um den Erdball, an den Nil, über Bali mit Wasserspielen im gelb leuchtenden Kübel Kabuki und No heraufbeschwörend weiter nach Japan, taucht ab, um vom Magma aufgeladen, in einer Geräuschwolke explodierend aus dem Hexenkessel New Yorks in die Karibik katapultiert, musikantisch entspannt als endloser Reggae zu verklingen, bis der Applaus dahinter wie immer viel zu früh einen Punkt setzt – Geschichten, in denen es wirklicher zugeht als im Leben, Erzählungen von Reisen, einigen wirklichen und einigen imaginären, Tales from 30 Unintentional Nights, in denen sich, absichtslos umherschweifend, langsam Strukturen, oft minimal nur, bilden und in mir einen Zustand der Träumerei und Aufmerksamkeit fördern, Langeweile im besten Sinne: lange Weile.
Etwas setzt sich in Bewegung, richtungslos erst, wie Zweige im Wind, eine Unruhe, meinen Körper durchschauernd, im Zauberwald irrlichtert’s, Vogelrufe, Tierschreie, Bassklarinettengelächter, aus Tönen erwacht eine Melodielinie, begehrt auf, provoziert, reizt, zieht sich zurück, sammelt sich an der Grenze des Wahrnehmbaren, verliert sich; aus dem somnambulen Zustand zwischen Wachen und Traum werde ich aufgeschreckt und durchgerüttelt von unvermittelt hereinbrechenden Perkussionsgewittern und elektronischem Flackern, gelenkter Gewandtheit, Genauigkeit, nicht Hast, immer schneller wird der Schritt, bis zum Rasen, im Beckennebel verzischelnd, gleich der Bewegung der Schlange, die im Wald von Rousseau, dem malenden Zöllner, im Laub raschelt: von tiefsten Tiefen bis in den sirrenden Diskant wird in der Schlosserei geröhrt, gebrüllt, geatmet, gefeilt, gekübelt, gehämmert, geklopft, gestreichelt, getätschelt, gekost, aus Rohr und Röhrchen röchelt und pfeift es, aus allen neun Saiten sägt und schlägt es, Blech und Fell, Holz und Wasser.
Jedoch das Eigentliche ist nicht zu beschreiben, weil die Sprache verglichen mit der Offenheit der Musik ein grobes, stumpfes Instrument ist, das mit jedem Wort verrät und zerstört, ein gemeinplätziges Ding, mit dem an Schönheit zu tasten Vermessenheit ist. Aber was soll man anderes darüber sagen, als ich liebe es, und dies endlos wiederholen: es singt, es singt einfach, eins ins andere übergehend, hart geschnitten oder unmerklich überblendet – in der Musik gibt es keine Anführungszeichen. Liesse sich das Zeitkontinuum, in welchem Klang stattfindet, zu einem Raum umfunktionieren, in den man hineinschauen könnte, um ein Stück Musik wie ein Bild zu betrachten, würde das vieles vereinfachen, doch Musik bleibt prozesshaft, auch auf einer CD konserviert gefriert sie nicht zum Bild; als aus dreissig Konzerten destillierte Essenz vermag sie aber beim Wiederhören vom irrlichternden Astwerk bis zum aufs Fell der Basstrommel projizierten rennenden Hamster die Atmosphäre des Klanglaboratoriums in der Schlosserei wieder freizusetzen.
Im Zwiegespräch mit der Musik ist’s, als ob im eigenen Kopf ein Tier sässe, für das man eine Stimme sucht: der eigenen Klangwirklichkeit auf der Spur, der Antwort auf die Frage, Was singt mir, der ich höre, in meinem Körper das Lied, ohne Angst vor dem Rendezvous der Sinne, Herzklopfen und Orgasmus, Rausch und Schrei, Rock ’n’ Roll und Trommeln in der Nacht, unterwegs zu etwas, das im Gedächtnis noch nie zuvor hochgekommen, wird nicht allein der Kopf, nein, der ganze Körper, ob der bis weit jenseits von allem Schönklang offenen Klangschleusen zu neuer, noch nie erlebter Beweglichkeit geknetet, Bestandteil eines übermächtigen Tönens; das Laboratorium in der Schlosserei weitet sich zum strahlender Klangdom, zum von keinem Radar zu lokalisierenden, durch die aufgewühlte See rollenden vibrierenden Frachter, alle Segel gesetzt für die Reise ins Unbekannte
© Reto Hänny, 2006

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